Fortschritt bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle von Jürgen Schindler

Die Fälle von sexuellem Missbrauch im Kieler Stadtteil Pries-Friedrichsort haben ein weit größeres Ausmaß als bislang angenommen. In den 1990er Jahren hat dort ein Jugendmitarbeiter des damaligen Kirchenkreises Kiel systematisch minderjährige Pfadfinderinnen und Pfadfindern missbraucht. „Wir wissen konkret von 13 Betroffenen und müssen von einer nennenswerten Dunkelziffer ausgehen. Zu befürchten ist außerdem, dass der Suizid eines jungen Menschen mit den Vorfällen in Verbindung steht“, sagt Anna Benkiser-Eklund. Sie ist Pastorin der örtlichen Ev.-Luth. Kompassgemeinde und Mitglied eines Beratungsstabes, der sich seit Bekanntwerden der Vorwürfe im März 2024 intensiv mit den Geschehnissen damals auseinandergesetzt hat. 

„Wir haben den ehemaligen Jugendmitarbeiter gleich darauf bei der Polizei angezeigt. Die Behörden haben die Ermittlungen aber mit Hinweis auf Verjährung eingestellt. Das bedauern wir außerordentlich“, betont Almut Witt, Pröpstin des Ev.-Luth. Kirchenkreises Altholstein und ebenfalls Mitglied im Beratungsstab. 

Nach zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen und Zeugen sieht sie es als zweifelsfrei erwiesen an, dass damals der Jugendmitarbeiter über Jahre ein perfides System des sexuellen Missbrauches betrieben hat. „Der Täter hat seine Macht ausgenutzt, um Minderjährigen sowohl psychisch als auch körperlich Gewalt anzutun. Er hat gezielt Jugendliche wie Erwachsene manipuliert und durch seine Fassade als Vorzeige-Jugendmitarbeiter getäuscht“, erläutert Kiels leitende Geistliche. 

Strenge Hierarchien und strafende Rituale förderten im Pfadfinderstamm St. Michael seinerzeit eine Kultur der Gefolgschaft und des Schweigens: Ein Umfeld, das den sexuellen Missbrauch begünstigte. Der Stamm gehört dem „Verband christlicher Pfadfinder*innen e. V.“ (VCP) an. „In den Gesprächen mit Zeitzeugen, Zeitzeuginnen und Betroffenen ist deutlich geworden, dass sich damals alle mit der Situation überfordert fühlten“, berichtet Folke Brodersen, Vertrauensperson des VCP. Denn bereits Ende der 90er Jahre hatten sich Jugendliche mit ihrem Verdacht an die Kirchengemeinde gewandt. Brodersen fügt hinzu: „Auch knapp dreißig Jahre danach widersprechen sich Äußerungen und Einschätzungen. Es ist unklar, wer genau nicht ausreichend gehandelt hat und warum. Sicher ist jedoch, dass es schwere Versäumnisse sowohl von Seiten der Pfadfinderschaft als auch von Verantwortlichen der Kirche gegeben hat.“

Für die drei Vertreter des Beratungsstabs, Folke Brodersen, Almut Witt und Anna Benkiser-Eklund steht fest: Die Geschehnisse von damals sind durch nichts zu entschuldigen. Einmütig erklären sie: „Den Betroffenen ist unermessliches Leid durch einen Mitarbeiter der Kirche in der Pfad­finderschaft zugefügt worden. Wir erkennen an, dass die Verantwortlichen damals versagt haben. Sie haben nicht entschieden genug gehandelt und den Betroffenen nur unzureichend Hilfe angeboten.“

So etwas darf sich nicht noch einmal wiederholen. Auch darüber besteht Einigkeit. „Ich möchte den Betroffenen ausdrücklich für ihren Mut danken, denn sie setzen Impulse“, sagt Brodersen und verweist auf einen bereits 2005 initiierten Kulturwandel beim VCP. Dabei würden althergebrachte Rituale und Leitungsstrukturen kritisch hinterfragt. Es gebe außerdem breitgefächerte Präventionsmaßnahmen, etwa bei Freizeitangeboten, sowie Schulungen zu Prävention und Intervention. „Auch wir als Kompassgemeinde haben ein Schutzkonzept erarbeitet, das sexualisierte Gewalt von Anfang an unterbinden möchte. Wir sind aufmerksam, wir sind wachsam“, versichert Benkiser-Eklund. 

Als in den 1990er Jahren zum ersten Mal Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs laut wurden, ist das Arbeitsverhältnis mit dem Jugendmitarbeiter zum 30. November 1997 aufgelöst worden. Er erhielt die Auflage, den Stadtteil Pries-Friedrichsort zu verlassen und sich einer Tätertherapie zu unterziehen. Auf Wunsch der Betroffenen sah man von einer Strafanzeige ab. 
„Ich halte es für wahrscheinlich, dass der Täter auch später noch außerhalb der Kirche mit Jugendlichen engen Kontakt hatte und den Missbrauch in Kiel fortgesetzt hat. Deshalb bitte ich alle Zeuginnen, Zeugen und Betroffenen: Gehen Sie zur Polizei! Möglicherweise sind spätere Straftaten nicht verjährt, und der Täter kann doch noch zur Rechenschaft gezogen werden“, hofft Witt. 

Den Geschädigten in Pries-Friedrichsort sichern alle Beteiligten ihre volle Unterstützung zu. Ansprechbar sind für neue Meldungen auch die Unabhängige Ansprechstelle bei sexualisierter Gewalt in der Nordkirche oder die Vertrauenspersonen des VCP Schleswig-Holstein. 

Kontakt für Zeugen und Betroffene

UNA - Unabhängige Ansprechstelle bei sexualisierter Gewalt in der Nordkirche, 0800 0 22 00 99, una@wendepunkt-ev.de

Vertrauenspersonen des VCP Schleswig-Holstein unter www.vcp.sh

Präventionsbeauftragte des VCP, Louisa Kreuzheck, louisa.kreuzheck@vcp.de

Frauen- und Männernotruf Kiel, (0431) 9 11 44